>

Schlimmer als die Pest


Meine im Januar 2005 verstorbene Frau Heike war Mitglied der »National Geographic Society«. Ein hochtrabender Titel, aber in dieser sich als recht obskur herausstellenden Society Mitglied zu werden, ist alles andere als schwer: Man abonniert einfach das monatlich erscheinende Magazin gleichen Titels. Das ist natürlich auch am Kiosk erhältlich – ein grellbunt illustriertes Hochglanzheftchen, dem immer das eine oder andere Gimmick beiliegt, etwa ein Poster oder eine Landkarte oder weiß der Geier was noch.
     Heike abonnierte also. Und wurde dadurch, zu ihrer eigenen Verblüffung, Mitglied.
     So recht gefallen wollte mir die Sache mit dem Abonnement nicht. Ich hielt es für aus dem Fenster geworfenes Geld; Informationen über Dieses und Jenes zu erhalten, gibt es wahrhaftig effektivere Methoden, zumal man dabei selbst wählen kann, worüber man sich schlau zu machen gedenkt, und nicht von der Auswahl der NGS-Redaktion abhängig ist. Aber wenn's sie glücklich machte, dann sollte sie ihr Abo eben genießen.
     Was sie denn auch tat. Bis zu ihrem Tod.
     Nur wenig später trudelte das Schreiben einer Inkassofirma ein. Die Rechnung vom Was-weiß-ich-wievielten des vergangenen Jahres sei nicht beglichen worden, und auf die diversen Mahnungen sei auch keine Reaktion erfolgt. So wurde die Summe jetzt erneut eingefordert, zuzüglich der Bearbeitungsgebühr der Inkassofirma. Diese »Gebühr« war geradezu abenteuerlich hoch und dürfte die Grenze zur Sittenwidrigkeit locker überschreiten; ich habe geraume Zeit erwogen, die Firma dafür zu verklagen, es aber dann doch gelassen. Zu viel Aufwand, zu viel Ärger vor dem zu erwartenden Erfolg. Wie auch immer – die besagten Rechnungen habe ich nie zu Gesicht bekommen und war nicht in der Lage, auf die Schnelle nachzuvollziehen, ob Heike sie aus unbekannten Gründen weggeworfen hatte, ob sie sie bereits beglichen hatte oder ob es sich schlicht um eine Gaunerei handelte. Ich befand mich wegen ihres so sinnlosen und unbegreiflichen Todes wochenlang in einem emotionalen Chaos. Aus diesem Grund zahlte ich zähneknirschend und nahm mir vor, der Sache später einmal auf den Grund zu gehen.
     Dazu kam es allerdings nicht. Ständig kam irgendwas dazwischen, und ich schob es ebenso vor mir her wie eine Kündigung des Abonnements wegen Todesfalls.
    Um so erstaunter war ich dann aber, als wieder eine Rechnung der NGS im Briefkasten landete, aber nicht an meine Frau adressiert, von deren Tod die NGS ja nichts wissen konnte, sondern – an mich!
     ›Die spinnen, die NGS'ler‹, dachte ich und legte die Rechnung beiseite, die allein deshalb keine Gültigkeit hat, weil ich weder die NGS gebeten hatte, das Abonnement zu übernehmen, noch jemals eine Benachrichtung erhalten hatte, daß es auf mich übertragen worden sei. Offiziell mußte es also nach wie vor auf Heikes Namen laufen. ›Na klasse‹, sagte ich mir. ›Wenn ich jetzt nicht zahle, merkt vielleicht endlich mal einer was und stellt auch die Beliegerung endlich ein‹. Denn Monat für Monat waren mir die bunten Heftchen in den Briefkasten geworfen worden – natürlich, denn ich hatte ja an die Inkassostrolche bezahlt. Für die Broschüren erwärmen konnte ich mich trotzdem nie; sie lagen hübsch aufeinandergestapelt und in ungeöffneter Originalverpackung zur jederzeitigen Abholung bereit.
     Aber auf den fehlenden Zahlungseingang hin brachte man nicht etwa seine Buchführung in Ordnung, sondern versandte in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Mahnungen – und natürlich weitere der unerwünschten Heftchen. Schließlich kam eine »letzte Aufforderung«, zu zahlen oder sich flugs mit der Kundenhotline in Verbindung zu setzen, um weitere Maßnahmen wie das Einschalten einer Inkassofirma zu vermeiden …
     Ich rief also an und landete, wie bei solchen Hotlines üblich, erst einmal in einer endlos langen Warteschleife und wurde mit idiotischer Dudelmusik zugedröhnt, was nicht gerade dazu beitrug, meine Stimmung zu heben. Nach einer Weile meldete sich dann eine Dame, und ich schilderte ihr die Sache mit dem abschließenden Vermerk, daß ich nicht gewillt sei, zu zahlen.
     Daraufhin erklärte mir besagte Dame in aller Ausführlichkeit, daß das Abonnement sehr wohl auf meinen Namen liefe und ich daher zahlen müsse. Meiner Frage, wie das denn möglich sei, daß das Abo ein lustiges »Bäumchen-wechsel-dich«-Spiel betreibe, antwortete sie, dann müsse ich eben angerufen oder geschrieben und den Wunsch dazu geäußert haben.
     Bin ich hier im Zirkus Rad-ab? Ich habe eben nicht angerufen oder geschrieben! Wie also bitte kommt dieser seltsame Wandel zustande?
     »Ja, aber irgendjemand muß uns eine entsprechende Mitteilung gemacht haben, denn hier in meinen Unterlagen ist eindeutig vermerkt, daß Sie das Abonnement ab Februar 2005 übernommen haben.«
     Was ich aber eben nicht getan habe. »Ja, aber irgendwer muß es doch gemacht haben, denn woher sollten wir sonst Ihren Vornamen kennen?« Und ehe ich darauf etwas erwidern konnte: »Oder glauben Sie, wir suchen uns Namen aus dem Telefonbuch zusammen?«
     Ich glaube inzwischen noch ganz andere Dinge. Das sage ich ihr aber vorsichtshalber nicht, sondern erkläre ihr noch einmal und diesmal etwas energischer, wie ich den Sachverhalt sehe, daß ich nicht zahlen werde, weil die Rechnung an die falsche Person ausgestellt wurde, und ich notfalls den Klageweg beschreiten werde. »Wollen Sie mir etwa drohen?« blafft sie mich darauf an, und ich versuche ihr begreiflich zu machen, was der Unterschied zwischen einer Drohung und einer Ankündigung ist – letztere habe ich ausgesprochen, und nicht etwa eine Drohung. Und vor allem nicht gegen diese etwas begriffstutzige Dame. Die scheint aber das eine nicht vom anderen trennen zu können. Offensichtlich ist sie völlig überfordert und damit für diesen Job absolut ungeeignet. Was ich ihr aber auch nicht sage. Ich habe doch keine Lust, mich mit irgendwem herumzustreiten. Ich will nur dieses verfluchte Abo loswerden!
     »Wenn Sie nicht aufhören, mich zu bedrohen und zu beschimpfen, werde ich dieses Gespräch beenden«, fährt sie mich zornig an. »Am besten verbinde ich Sie direkt mit der Buchhaltung!« Na, wenn's der Wahrheitsfindung dient …
     Dasselbe Problem, die nächste Dame. Die hat die Unterlagen schon vor sich liegen, blitzschnell weitergereicht von ihrer Kollegin. Und nun erfahre ich aus kundigem Munde der Buchhalterin, das das Abonnement schon immer auf meinen Namen geführt worden sei. Wir erinnern uns: Das Abonnement, das meine Frau auf ihren Namen abgeschlossen hatte und für das sie, nicht ich, auch jahrelang die Rechnungen bekam! Ja, welch ein Wunder aber auch! Ich glaub's ja nicht …
     Das Palaver beginnt in aller Ausführlichkeit erneut, und mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, gegen die Niagara-Fälle anzupredigen, bis die Dame, wohl etwas verständiger als ihre Kollegin, den Vorschlag unterbreitet: »Ich nehme Ihre Kündigung jetzt auf, gebe sie gerade in den Computer ein, und Sie bekommen dann eine Abschlußrechnung, die Sie zu zahlen haben, und die Sache ist damit erledigt.«
     Eigentlich ist es nicht das, was ich will – ich soll immer noch bezahlen – aber immerhin nicht ein komplettes teures Jahresabo, sondern nur zwei oder drei Hefte. »Wenn ich dann endlich Ruhe vor Ihrer Firma habe«, stimme ich zu; ich habe keine Lust, mich noch mehr und noch länger über diesen ganzen Dreck aufzuregen.
     Und jetzt bin ich mal gespannt, ob ich die ungeliebte NGS endlich aus meinem Leben schieben kann. Diese Society ist schlimmer als die Pest. Die Pest wird man los, indem man die Ratten erschlägt. Aber hier darf ich ja niemanden erschlagen …
     So oder so kann ich nur davor warnen, sich in irgendeiner Form mit dieser obskuren Firma einzulassen. Deren Methoden, ein Abonnement ohne Rückfragen und unerwünscht von einem zum anderen Bewohner dieses Planeten zu schieben, sind doch recht seltsam … Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie, lieber Leser dieses Textes, morgen ein NGS-Heft im typischen gelben Versandumschlag und übermorgen die zugehörige Rechnung in Ihrem Briefkasten finden. An irgendwen müssen die doch jetzt das Heftle schicken, das sie mir nicht mehr aufs Auge drücken dürfen …

W. K. Giesa
Altenstadt, 21.2.2006





powered by sbsd